Gemeinsam mehr Energie

Wie dezentrale erzeugte Energie die lokale Wirtschaft in Brooklyn antreibt

Text: Kai Helzer, 21.12.2020

„Schaut euch das an! Fabelhaft! Das kriegt man nirgendwo sonst in der Stadt.“ Daniel Power – ja, der Mann heißt wirklich so – steht auf dem Dach seines Hauses in der Windsor Terrace im New Yorker Stadtteil Brooklyn und preist den Ausblick auf New York, den er von dort oben hat.

Doch das eigentlich Spektakuläre auf dem Dach des Besitzers eines wunderschönen kleinen Buchladens in Brooklyn ist die kleine Solaranlage, die sich dort befindet. Denn diese und viele weitere kleine Solaranlagen in Brooklyn gehören zu einem der spannendsten Energieprojekte der letzten Jahre: dem Brooklyn Microgrid.

Das Brooklyn Microgrid ist eine auf der Blockchaintechnologie basierende Plattform, auf der Besitzer von Solaranlagen überschüssigen Strom direkt an Nachbarn ohne eigene PV-Anlage verkaufen können.

So erschaffen die lokalen Erzeuger gemeinsam ein kleines, unabhängiges und dezentrales Energieversorgungsnetz, durch das sie ihre direkte Umgebung mit sauberer Energie versorgen können.

Für Prosumer wie Daniel Power eine rundum lohnende Sache, wie er findet: “Anstatt meine überschüssige Energie an ConEd (ein New Yorker Energieversorgungsunternehmen, Anm. d. Red.) zu verkaufen und Gutschriften zu erhalten, kann ich sie jetzt an jemanden abgeben, den ich kenne – zu einem Preis, auf den wir uns geeinigt haben. Das Geld habe ich sofort und muss nicht warten.“

Diese räumliche Unmittelbarkeit der Beziehung zwischen Energieerzeuger und Energieverbraucher ist die Grundidee des Brooklyn Microgrid, das sich als Teil der Localism-Bewegung sieht. Dabei geht es darum, dass Konsumenten ihre Bedürfnisse so weit wie möglich bei Unternehmen vor Ort befriedigen. Dadurch soll, so der Gedanke dahinter, die lokale Wirtschaft gestärkt werden, was dazu führen soll, dass besser bezahlte Arbeitsplätze bei kleinen Unternehmen vor Ort entstehen, die mit ihren Einkommen dann wiederum die lokale Wirtschaft stärken sollen. Zudem, so sehen es die Localism-Anhänger, seien regional erzeugte Produkte durch ihre kurzen Transportwege auch besser für die Umwelt und das Klima.

Die Argumente der Localism-Aktivisten klingen schlüssig, sind aber in der Wissenschaft umstritten. So zeigt zum Beispiel H. Scott Matthews, Professor für Umweltingenieurswissenschaften an der Carnegie Mellon Universität, in einer Studie von 2008, dass der Transport nur 15 % des gesamten CO2-Fußabdrucks frischer Lebensmittel ausmacht. Den weitaus größeren Anteil hat die Art, wie sie produziert werden. Damit könnten also Kartoffeln von einem Biohof in Chile möglicherweise besser für die Umwelt sein als die vom konventionellen Hof im Nachbardorf. Und der amerikanische Ökonom Robin Hahnel gibt in seinem Aufsatz „Eco-localism: A Constructive Critique“ zu bedenken, dass es auch kleine, lokale Unternehmen gibt, die ihre Mitarbeiter ausbeuten und die einfache Rechnung “groß gleich böse” so pauschal nicht aufgeht.

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Die Erzeuger schaffen gemeinsam ein unabhängiges, dezentrales Energieversorgungsnetz, durch das sie ihre Umgebung mit sauberer Energie versorgen.

Lawrence Orsini, Gründer und CEO von LO3 Energy, dem Start-up, das die Softwareplattform für das Brooklyn Microgrid bereitstellt, bleibt dennoch voll vom lokalen Gedanken überzeugt: „Das Coole am Microgrid ist die Idee der lokalen, zirkulären Wirtschaft. Im Brooklyn Microgrid kann man seine Energie direkt von seinem Nachbarn kaufen. Der nimmt dann das Geld und geht vielleicht damit mit seinen Kindern zur Eisdiele um die Ecke. Kauft man die Energie von einem überregionalen Energiekonzern, wird das Geld einfach nur zu einer Dividende.“

Das Brooklyn Microgrid strebt das erste von Orsini beschriebene Szenario an – und möchte ein Baustein im lokalen Wirtschaftskreislauf sein, von dem am Ende alle in Brooklyn profitieren. Auch deshalb gibt es auf dem YouTube-Kanal des Brooklyn Microgrids die Video-Reihe „Make Brooklyn Local“, in der lokale Geschäftsinhaber wie Helena Fabiankovic, die ein kleines Pierogi-Restaurant in Brooklyn betreibt, oder Diane Kane, Inhaberin einer feministischen Modeboutique, ihre Geschäfte vorstellen können. Und dann gibt es noch das soziale Engagement der Mitglieder, die regelmäßig ihre mehr oder weniger bescheidenen Einnahmen aus dem Stromverkauf spenden. Zum Beispiel an CHiPS, eine Suppenküche in Brooklyn, die täglich kostenlose Mahlzeiten an Bedürftige ausgibt.

Eines kann man mit Sicherheit sagen, das Brooklyn Microgrid elektrisiert seine Mitglieder. Ob es auch langfristig ein ernst zu nehmender Teil einer dezentralen Energieversorgung in Brooklyn sein wird, müssen wir noch beobachten. Große Player aus der Energiewirtschaft tun das jedenfalls bereits. Insbesondere 2017, also kurz nach dem Start des Microgrids, sind sie in Scharen nach Brooklyn gepilgert, um sich dieses neue Energieversorgungsmodell genauer anzusehen. Warten wir mal gespannt darauf, was sie dort gelernt haben.

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