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Hey Auto, Get a job!

E-Mobilität in einer dezentralen Energiewelt

Text: Kai Helzer, 21.12.2020

Gerade mal 45 Minuten am Tag bewegen und den Rest der Zeit faul zu Hause rumlungern – das würden die meisten von uns ihren Kindern nicht durchgehen lassen. Bei unseren Autos aber machen wir genau das. Wir haben mal geschaut, wie sich das in Zukunft ändern könnte. Und eine überraschende Lösung gefunden.

Deutschlands Autos sind ganz schön faule Kisten. Durchschnittlich jedenfalls. Das hat die 2019 veröffentlichte Studie „Mobilität in Deutschland“ des Bundesverkehrsministeriums ergeben, für die Mobilitätsdaten von über 300.000 Menschen in Deutschland ausgewertet wurden. Der Studie zufolge werden Pkw in Deutschland im Schnitt nur ca. 45 Minuten am Tag gefahren. Die restlichen 97 Prozent des Tages stehen sie. Und kosten ihre Besitzer trotzdem weiter munter Geld. Durchschnittlich ca. 8.400 Euro pro Jahr. Im europäischen Vergleich sind Autos in Deutschland dabei geradezu Workaholics. So fährt ein Pkw in Spanien laut Eurostat circa 19 Minuten pro Tag. Und selbst in Finnland, also einem Land mit häufig sehr viel Gegend zwischen zwei Menschen, kommen Autos nur auf 37 Minuten Fahrzeit pro Tag.

Jeder Mensch, der noch halbwegs bei ökonomischem Verstand ist, muss sich jetzt also fragen: „Wie kann ich das ändern?“

Die offensichtlichste Lösung wäre, auf ein eigenes Auto zu verzichten. Laut einer Studie des Bundesverbandes Carsharing könnte jemand mit einer durchschnittlichen Fahrleistung von jährlich 8.000 Kilometern durch Carsharing pro Jahr 741 Euro sparen. Dann hätte man aber eben kein eigenes Auto. Für viele Menschen, vor allem Familien, ist das keine beglückende Vorstellung. Zum Glück erscheint für überzeugte Autobesitzer gerade eine eher unerwartete Retterin am Horizont, die dezentrale Energieversorgung.

Das Zauberwort heißt hier: bidirektionales Laden bei Elektroautos. Denn mit dem zunehmenden Erfolg von E-Autos, die Bundesregierung rechnet mit 10 Millionen Fahrzeugen bis 2030, könnten sich die Stromer sogar dann nützlich machen, wenn sie nicht fahren. Genauer gesagt, ihre Batterien. Die würden dann nicht nur den sauberen Strom dezentraler Erzeuger wie PV-Anlagen oder Windrädern für sich speichern, sondern sogar bei Bedarf wieder ins Stromnetz abgeben und so dabei helfen, Lastspitzen abzufedern und das Netz zu stabilisieren.

Diese Technologie wird Vehicle-to-Grid oder kurz V2G genannt und könnte nicht nur der Durchbruch für die Elektromobilität sein. Denn mit ihr werden Elektroautos nicht nur ein wichtiger Baustein für die Energiewende insgesamt, es ergeben sich auch ganz neue Geschäftsmodelle für Automobilhersteller und Energieversorger.

So könnte es in Zukunft sein, dass man Elektroautos ohne Batterie kauft. Dadurch würden E-Autos in der Anschaffung erheblich günstiger, schließlich macht die Batterie aktuell noch knapp 30 Prozent des Gesamtpreises aus. Die Batterie würde man von einem Energieversorgungsunternehmen gegen eine monatliche Gebühr mieten, das dann die Batterie bei allen Ladevorgängen auch zur Stabilisierung des Netzes nutzen dürfte.

Für Automobilhersteller könnte das auch zu einem weiteren Geschäftsfeld werden. So hat Volkswagen 2019 mit Elli eine eigene Ökostromtochter gegründet mit der die Wolfsburger gerade auch beim Thema Elektromobilität auf allen Seiten mitspielen wollen. „In der neuen Welt der Elektromobilität wachsen die Themenfelder Energie und Auto nun enger zusammen – diese Chance wollen wir nutzen.“, sagt dazu Karsten Miede, der das Ressort Dienstleistungen für E-Mobilität bei der VW Kraftwerk GmbH leitet.

Überhaupt ergeben sich gerade für Automobilhersteller viele neue Geschäftsfelder durch E-Mobilität in einer dezentralen Energiewelt. Carsharingflotten könnten zum Beispiel für Autohersteller deutlich attraktiver werden, wenn die elektrischen Sharingfahrzeuge in ihren Standzeiten Stromnetzdienstleistungen übernehmen und so auch im Stillstand Geld verdienen.

Kein Wunder also, dass praktische alle Hersteller gerade an V2G-Lösungen arbeiten. So startet zum Beispiel Fiat-Chrysler gerade das größte V2G-Testprojekt der Welt in Mirafiori, bei dem bis Ende 2021 bis zu 700 Fahrzeuge parallel ans Stromnetz angeschlossen werden können.

BMW nimmt an einem Forschungsprojekt des Wirtschaftsministeriums unter Leitung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt teil, bei dem in Modellversuchen erarbeitet werden soll wie Elektroautos mit bidirektionaler Ladefunktion und smartem Lademanagement das Stromnetz als Ganzes stabilisieren können.

Audi wiederum arbeitet an einer Möglichkeit, es Kunden zu ermöglichen das eigene Elektroauto als zusätzliche Batterie für die PV-Anlage nutzen zu können. Diese Vehicle-to-Home Funktion (V2H) könnte Elektroautos auch für viele Konsumenten mit eigener PV-Anlage noch mal deutlich attraktiver machen. So könnte ein fest installierte Batterie zu Hause kleiner – und damit günstiger – ausfallen und abends durch die Batterie des E-Autos ergänzt werden.

Es tut sich also was beim Automobil. Die Zeiten, in denen Autos nur wenige Minuten am Tag nützlich waren, neigen sich dem Ende zu. Voraussetzung dafür ist aber ein starker Ausbau der dezentralen Energieversorgung. Dann kann aus der Energiewende gleich noch die Automobilwende werden.

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