Revolution aus dem Rheingau

Verbraucher bestimmen wie nachhaltig Lebensmittel hergestellt werden

Text: Mareike Scheffer, 26.10.2020

Eine Idee aus Frankreich schwappt derzeit über einen Verein aus Eltville nach Deutschland. Verbraucher stimmen im Netz drüber ab, wie Lebensmittel produziert werden sollen. Doch es bleibt nicht allein bei den Bekundungen. Ein Produkt ist bereits auf dem Markt, über dessen Herstellungsbedingungen rund 10.000 Menschen im Netz entschieden haben. Das Produkt ist eine Bio-Weidemilch heißt schlicht „Verbrauchermilch“. Der Verein, der das möglich macht, heißt „Wer ist hier der Chef? Die Verbrauchermarke“  und der Mensch, der hinter alldem steht ist Nicolas Barthelmé. Sonnenallee hat mit ihm über den erfolgreichen Start seines Projekts und seinen unkonventionellen Weg dorthin gesprochen.

Herr Barthelmé, warum braucht der deutsche Lebensmittelmarkt eine weitere Frischmilch in den Regalen? Gibt es nicht bereits genug davon?

Nicolas Barthelmé: Das ist nicht die Frage, die wir uns als Verein stellen. Wir erleben Bauernproteste, sehen die Klimabewegung und diskutieren über mehr Tierwohl oder die Arbeitsbedingungen in Schlachthöfen. Das Thema Lebensmittelherstellung hat öffentliche Relevanz. Auch die Corona-Pandemie hat den Menschen viele Fehler des aktuellen Systems vor Augen geführt. Ich habe viele Jahre im Marketing der Lebensmittelbranche gearbeitet. Ich glaube, die Zeit ist einfach reif, den Verbraucher mitbestimmen zu lassen, welches Produkt er am Markt will. Und wir versprechen, dass wirklich das in der Tüte drin ist, was der Verbraucher gewählt hat.

In den Medien wird das Produkt sogar als „demokratisch gewählt“ bezeichnet. Schon allein das macht es wohl bislang einzigartig. Wie können wir uns diese Mitbestimmung konkret vorstellen? 

B: Unsere Homepage ist zentral für unsere Arbeit. Hier stellen wir zunächst Produkte zur Wahl, die die Besucher der Seite auswählen können. Die Wahl ist zuerst auf die Milch gefallen. Unser Ziel war dann, mindestens 5000 beantwortete Fragebögen einzusammeln. Letztlich stimmten sogar 9.300 Menschen zu Qualität, Regionalität, Tierwohl, Vergütung für die Landwirte und Verpackungsart ab. Glücklicherweise könnten wird unsere Online-Umfrage noch kurz vor dem Corona-Lockdown abschließen.

Nicolas Barthelmé, der Mensch hinter „Wer ist hier der Chef? Die Verbrauchermarke“

Wie leiten Sie überhaupt ab, ob für ihr Produkt auch ausreichend Zahlungsbereitschaft bei den Verbrauchern besteht. Der Preis für einen Liter der Verbrauchermilch ist mit 1,45 € pro Liter ja deutlich höher und dennoch posten ihre Follower Bilder von leeren Regalen, etwa im Rhein-Main-Gebiet, in den ersten Wochen seit Markteinführung?

B: Diese Posts haben uns in der Tat auch überrascht. Die Milch findet wirklich reißenden Absatz. Es gab sogar Selfies von Verbrauchern mit der Milchtüte im Geschäft, die stolz waren noch einen Liter ergattert zu haben. Mit dieser Euphorie hatten selbst wir nicht gerechnet. Wir haben den Verbrauchern im Online-Fragebogen direkt aufgezeigt, wieviel Cent die Milch teurer werden wird, wenn wir bei der Produktion höhere Standards annehmen. Wer für eine bessere Vergütung für den Landwirt oder für mehr Tierwohl stimmt, dem muss bewusst sein, dass das Produkt in der Herstellung mehr kostet. Wir haben dem Verbraucher konkret und deutlich gezeigt, wieviel mehr er dafür zahlen muss.

Dann könnte man sagen, dass diese Offenheit und Transparenz ein Baustein ihres bisherigen Erfolgs ist?

B: Offene Kommunikation und Transparenz sind bei dem neuen Produkt zentral. Dreh und Angelpunkt des Marketings sind daher die Social Media Kanäle, darunter die Plattform Facebook. Hier schaffen wir Aufmerksamkeit zum Nulltarif für unser Projekt und können für den Verbraucher wiederum maximale Transparenz erzeugen. Wir haben aber auch extra deswegen eine Verpackung gewählt, auf der nicht gradende Kühe zu sehen sind, sondern in großen Lettern Informationen zur Herstellung zu finden sind.

Sie gehen in Puncto Kommunikation und Transparenz dabei ja recht unkonventionell vor. Sie haben beispielweise einen Post veröffentlicht, der die erste Milchabrechnung eines Landwirts zeigt.

B: (lacht) Ja aber die persönlichen Daten haben wir natürlich geschwärzt. Datenschutz muss sein. Wir wollen den Verbrauchern aber zeigen, dass ihr Geld auch tatsächlich bei den beteiligten Landwirten ankommt, dass sie für die gelieferte Menge auch wirklich 58 Cent pro Liter bekommen. Es ist doch ein großes Problem unserer Lebensmittelbranche, dass der Endkunde oftmals viel zu dumm verkauft wird. Das Prinzip zu durchbrechen ist eines unserer Anliegen. Wir wollen mündige Verbraucher und wir wollen faire Bezahlung für die Produzenten, in diesem Falle für die Milchbauern.

Demokratisches Auswahlverfahren und Mitbestimmung

Wie läuft das konkret?

Die Verbraucherinnen gehen auf die Website, wählen ein Produkt aus, beantworten den entsprechenden Online-Fragebogen und entscheiden so über die unterschiedlichen Kriterien bzw. Produktmerkmale: Es geht um Herkunft, um Produktionsverfahren, um Verpackungen, aber auch – und das ist wichtig -, um die Vergütung der Landwirte. Die Verbraucher entscheiden so mit, dass die Landwirte nicht weiterhin auf Weltmarkt-Preisniveau bezahlt werden, sondern darüber. Wenn mindestens 5.000 Antworten eingegangen sind, werden die Fragebogen ausgewertet. Daraus zieht Du bist hier der Chef letztendlich das, was die Initiative ein „Pflichtenheft“ nennt. Zu diesem Zeitpunkt hat die Initiative dann bereits Partner gefunden, also Landwirte, Herstellerinnen und auch Händler, die die Produkte produzieren und vermarkten.

Sie bekommen über Ihre Social Media Kanäle ja auch die prompte Rückkopplung. Was denken Sie wenn Sie Posts lesen wie diesen „Was mir bei dieser Milch am aller-allerbesten schmeckt ist mein reines Gewissen bei jedem Schluck. Und das zu so einem fairen Preis.“

B: Wir freuen uns über dieses Feedback. Es zeigt einmal mehr, dass für die Menschen die nachhaltigen Herstellungsbedingungen wichtig. Und wir zeigen mit unseren steigenden Absatzzahlen, dass es viele Menschen gibt, die dafür bereit sind, etwas mehr Geld auszugeben.

Woher kommt Ihr persönliches Engagement für diese Initiative? Liegt es daran, dass es diese Initiative bereits in Ihrem Herkunftsland Frankreich gibt?

B: Anstoß war für mich eher die Suche nach mehr Sinn bei meiner Arbeit. Nach 20 Jahren Arbeit in der Lebensmittelbranche in Marketing und Vertrieb, wollte ich etwas Neues wagen. Ich sehe diese Initiative als Chance, mit neuen Leuten in Kontakt zu treten und sehe eine Perspektive darin nicht allein Produkte zu entwerfen, sondern damit auch die Landwirte und ihre Familien zu unterstützen. In Frankreich sind es mittlerweile 3.000 Landwirtsfamilien, die exklusiv für die Initiative produzieren und dafür fair bezahlt werden. Das ist für mich persönlich erstrebenswerter, als Geld für Großkonzerne zu scheffeln.

Kritik liest man derzeit kaum. Allenfalls, dass ihr Produkt bislang ein Nischenprodukt ist.

B: Die Milch steht seit Ende Juli in den Regalen. Wir sind mit dem derzeitigen Absatz sehr zufrieden. Natürlich sind wir noch in der Nische. Wir haben einerseits schon viel erreicht, aber wir haben auch noch viele Ideen und wollen viel Neues umsetzen. Daher sind wir in weiteren Gesprächen mit Landwirten, mit anderen Molkereien in anderen Regionen Deutschlands. Derzeit gibt es unsere Milch in Hessen und seit Mitte Oktober in vielen großen Städten Deutschlands (München, Stuttgard, Karlsruhe, Köln, Münster, Leipzig, Berlin…). Wir bieten den Landwirten endlich eine Alternative zum ständigen Wachstum. Die Verbraucher haben nun endlich die Wahl ihre Landwirte vor Ort oder in ihrer Region zu unterstützen. Und wir sind kürzlich noch einen Schritt weitergekommen: Als nächstes wollen wir Eier auf den Markt bringen, die nach den Wünschen der Verbraucher produziert werden.

Sonnenallee wünscht Ihnen auch dabei: Viel Erfolg!

Wo gibt es die Produkte, bei denen der Verbraucher zuvor mitbestimmt hat?

Über einen Storefinder können Verbraucher herausfinden, ob es die Produkte auch in Ihrer Nähe zu kaufen gibt. Das gibt nicht nur mehr Transparenz sondern sorgt mitunter auch für Druck auf den Lebensmitteleinzelhandel. Etwa dann, wenn Verbraucher in den Märkten nachfragen, warum das Produkt nicht zu finden ist.

Dein Lieblingsmarkt bietet unsere Milch noch nicht an? Du kannst mithelfen, Deinen Supermarkt ein bisschen fairer zu machen.

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