Wie das Klima doch noch zu retten ist

Project Drawdown hat die Lösungen

Text: Markus Koch, 25.02.2021

Klimaforscher weltweit beklagen nicht nur die drohende Klimakatastrophe, sondern sind sich auch überwiegend einig: Es ist möglich, sie noch abzuwenden, die vielbeschworene 1,5- oder 2-Grad-Grenze zu unterschreiten. Aber wie?

Für eine Debatte, ob das Ende der Kohleverstromung, energetische Sanierung oder Ökolandwirtschaft uns retten werden, ist es zu spät. Denn mit einer oder zwei Maßnahmen ist das Ruder nicht mehr herumzureißen.

Doch wenn wir jetzt überall gleichzeitig alle möglichen Lösungen umsetzen, haben wir nicht nur eine Chance, Klimaneutralität zu erreichen, also dass künftig jegliche Emissionen unterbleiben oder kompensiert werden. Es besteht sogar die Aussicht auf einen „Drawdown“.

So nennt sich der Punkt in der Zukunft, an dem die Treibhausgaskonzentration in der Atmosphäre nicht mehr steigt, sondern stetig abnimmt, also konstante Minus-Emissionen. Das und wie wir diesen positiven „Kipp-Punkt“ schon Mitte dieses Jahrhunderts erreichen können, zeigt Project Drawdown.

Von dem Umweltaktivisten Paul Hawken gegründet, ist die Non-Profit-Organisation 2014 mit der Absicht angetreten, alle maßgeblichen Lösungen für eine Umkehr der globalen Erwärmung zu recherchieren, zu evaluieren und schließlich zu publizieren. Weitreichende Bekanntheit erlangte Project Drawdown drei Jahre später mit dem Erscheinen des New-York-Times-Bestsellers „Drawdown – The Most Comprehensive Plan Ever Proposed to Reverse Global Warming”.

Emissionen reduzieren, Kohlenstoffspeicher aufbauen, sozialen Fortschritt verwirklichen

Das wissenschaftliche Team der Organisation hat eine stolze Sammlung von inzwischen weit über hundert irgendwo auf der Welt praktizierten Lösungen vorzuweisen – jede davon akribisch evaluiert und nach ihrem potenziellen Beitrag zum Klimaziel in eine Rangliste gebracht. Um den Drawdown zu erreichen, müssen wir nur das bereits Vorhandene massiv ausbauen, lautet der Befund der Organisation.

Und trotz immenser Anfangskosten von 22,5 bis 28,4 Billionen US-Dollar soll sich dieser Einsatz auch finanziell lohnen, rechnet Project Drawdown vor: 95,1 bis 145,5 Billionen Einsparungen im Betriebszeitraum, hinzu kommen weitere Einsparungen im Gesundheitssystem durch eine geringere Luftverschmutzung und abgewendete Klimaschäden.

Produktion umstellen, Verbrauch senken, System verbessern

Lösungen auf drei Aktionsfeldern und in neun Sektoren zeigen, wie vielfältig die Handlungsoptionen sind. Beim Potenzial zur Reduktion von Emissionen mit weitem Vorsprung an erster Stelle: die Elektrizität.

Zweifellos wird der globale Strombedarf steigen, weil zum einen die Abkehr von fossilen Energieträgern vielfach Elektrifizierung bedeutet und zum anderen 840 Millionen Menschen bisher keinen Zugang zur Elektrizität haben. Das prognostizierte Resultat: bis zu 119 Gigatonnen Treibhausgase, deren Ausstoß sich vermeiden ließe, zum Beispiel mit solaren Großkraftwerken, die mit gut 17.000 Terawatt 25 Prozent des weltweit benötigten Stroms erzeugen können.

Weitere bedeutende Alternativen im Drawdown-Szenario zur Energieerzeugung sind Windkraftanlagen und dezentrale Photovoltaik, letztere mit einem CO2-Vermeidungspotenzial bis zu 69 Gigatonnen. Biogas, Biomasse, Solarthermie, Gezeiten- und Strömungsturbinen – eine Vielfalt an ausgereiften Technologien steht zur Auswahl.

Im Lösungsmix zur Verringerung von CO2-Emissionen wiederum rangiert an zweiter Stelle die effizientere Nutzung von Elektrizität vor allem bei den Hauptverbrauchern Gebäude und Industrie. In der Maßnahmenliste finden sich LEDs und intelligentes Gebäudemanagement, aber auch erprobte Techniken mit viel Ausbaupotenzial wie Gründächer, dynamisches Glas oder das Kombiwunder Passivhaus.

Grundlegend wichtig für die Umstellung auf erneuerbare Energien sind schließlich allgemeine Systemverbesserungen wie flexible Leitungsnetze und Speicherkonzepte für den Ausgleich von Angebot und -nachfrage

Impulse für Startups und Investoren

Energie, Industrie, Gebäude, Landwirtschaft und Ernährung, natürliche und künstliche CO2-Senken, in allen Sektoren gibt es Prinzipien zu entdecken, deren Umsetzung in großem Maßstab durchaus wirtschaftliches Potenzial aufweist.

Dazu gehören traditionelle Praktiken wie die Verkohlung von Biomasse und Kompostierung, das Nachahmen natürlicher Strukturen bei verschiedenen Formen der Agroforstwirtschaft, Bambusanbau und -nutzung, die Aufforstung von Abbauflächen wie Kies- und Kohlegruben.

5 bis 6 Prozent der CO2-Emissionen gehen auf das Konto der Zementindustrie. Die standardisierte Herstellung eines gleichwertigen Baustoffs ohne gigantischen Energieaufwand dürfte eine Goldgrube sein. Schon jetzt wird an vielen Stellen geforscht und experimentiert – mit Rohstoffen, die eine geringere Brenntemperatur benötigen, Zusätzen von Industrieabfällen wie Schlacke oder Flugasche und „Bakterien-Beton“.

Mit klimaneutraler Agrarwirtschaft wie dem Bambusanbau sowie dem Zugang zu Bildung für Mädchen und Frauen weltweit können enorm positive Effekte auf den Klimawandel erzielt werden.

Unbedingt schnell, sicher und gerecht

Den Klimawandel stoppen – und zwar so schnell, sicher und gerecht wie möglich: Das ist die Devise von Project Drawdown. In diesem Sinne ist nicht nur die Wirtschaft gefragt, sondern auch die Politik, die öffentliche Hand und jedes Individuum.

Unter den Top-Five-Sektoren im Drawdown-Ranking findet sich, unabhängig vom angestrebten Klimaziel – 1,5 oder 2 Grad – immer auch „Bildung und Gesundheit“. Das Projekt sieht den Zugang zu Bildung damit als eine der fünf wichtigsten Stellschrauben beim Klimaschutz. Auch vor dem Hintergrund, dass der globale CO2-Fußabdruck eines jeden Landes mit dem Bevölkerungswachstum zusammenhängt.

Project Drawdown sieht bei der besseren Bildung von Mädchen und Frauen alle Länder in der Pflicht, nicht nur die weniger entwickelten: Wenn Frauen weltweit – auch in katholisch geprägten Ländern Europas und in den USA – mehr Zugang zu Wissen und Verhütungsmitteln erhalten, dann sichere dies in erster Linie Grundrechte und Menschenwürde. Die Auswirkung, insgesamt weniger Geburten, habe jedoch extrem positive Nebenwirkungen für den Planeten.

Ebenfalls spannend: zu welch immensen CO2-Einsparungen sich kleinteilige, lokale Lösungen summieren können. Unter anderem sind das Forstrechte für indigene Völker, mehr kleinbäuerliche oder ökologische Landwirtschaft, das Anlegen von Moorgebieten, gezielte Weidewirtschaft und eine unfassbar effektive Technik für den nachhaltigen Reisanbau.

Schon jetzt sind bei der Reduzierung des CO2-Fußabdrucks die Kommunen ihren zuständigen Staaten oft meilenweit voraus. Wenn sie einmal richtig in Fahrt kommen – Fahrrad-Infrastruktur, fußgängerfreundliche Innenstädte, attraktiver Nahverkehr, sinnvolle Förderprogramme – ist die Hebelwirkung enorm.

Und, nicht zuletzt – pardon, liebe Grillmeister, eine größtenteils pflanzliche Ernährung liegt im Wirkungspotenzial beim 1,5-Grad-Szenario sehr dicht bei den solaren Großkraftwerken, genauer gesagt an vierter Stelle. Davor rangieren nur noch die 94 Gigatonnen Energieverschwendung durch weggeworfene und somit unnötig produzierte Lebensmittel. Beides zusammen anzupacken, hat den schönen Nebeneffekt von weniger rülpsenden Rindern.

Partner für die prompte Kehrtwende

„Diese Lösungen sind Werkzeuge der Hoffnung angesichts einer scheinbar hoffnungslosen Herausforderung. Sie dürfen nicht nur Spezialisten und auserwählten Gruppen zugänglich sein.“, heißt es in der Drawdown Review, der aktuellen Publikation zur Drawdown-Forschung und -Analyse.

Während Project Drawdown bisher als Informationsquelle sehr wohl Lehrpläne, Klimapläne, unternehmerische Selbstverpflichtungen, Stiftungsziele und lokale Aktivitäten beeinflusst hat, sollen die im Oktober 2020 gegründeten Drawdown Labs diese Werkzeuge der Hoffnung nun aktiv in die Welt tragen.

Die Gründungsmitglieder des strategischen Netzwerks, darunter Unternehmen wie Google, IDEO, Lime und Trane, verpflichten sich, auch jenseits ihrer Betriebsabläufe zur Reduktion der weltweiten CO2-Emissionen beizutragen. Ziel ist die Entwicklung eigener Lösungen und Instrumente zur Bekämpfung des Klimawandels.

Kopieren, imitieren, skalieren – und bitte jetzt!

„Enormes Engagement, Zusammenarbeit und Einfallsreichtum werden nötig sein, um den gefährlichen Pfad, auf dem wir uns befinden, zu verlassen und auf den Pfad der Möglichkeiten zu gelangen. Aber die Mission ist klar: das Mögliche real werden lassen.“

Alle, die diese Mission unterschreiben, erwartet bei Project Drawdown eine ermutigende Kopiervorlage für die Klimarettung.

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