Open Source Saatgut

Wie es wieder Allgemeingut werden soll.

Text: Mareike Scheffer, 11.06.2021

In unseren Wohlstandsregionen müssen sich Menschen keine Gedanken machen, satt zu werden. Unser täglich Brot liegt im Überfluss in den Regalen. Völlig anders sieht das in den ärmsten Regionen dieser Welt aus. Ob die Ernährung sichergestellt ist und die Vorräte reichen, hängt von den Ernten auf den Feldern vor Ort ab. Und dieser Erfolg ist nur eng damit verbunden, welches Korn in die Erde kommt. Saatgutvermehrung ist in vielen Ländern der Erde rechtlich beschränkt. Ein Oligopol dominiert den weltweiten Saatgutmarkt. Daraus ergeben sich verschiedenste Schwierigkeiten, die vor allem die Ärmsten der Armen treffen. Vor dem Hintergrund der Erderwärmung warnen Experten, dass die geringe Sortenvielfalt zu einem weiteren Problem werden könnte. Sonnenallee hat sich ein Projekt zur alternativen Saatgutgewinnung genauer angeschaut.

Wenn Bauern hierzulande in den Sommermonaten das Korn einfahren, bringen sie es meist zum Landhändler oder verfüttern es an die Tiere auf dem Hof. Früher war es üblich, einen Teil des Getreides zurückzubehalten, zu reinigen und für die nächste Aussaat aufzubereiten. Das ist mittlerweile weitgehend verboten. Wer es dennoch tut begeht eine Straftat und muss mit empfindlichen Geldbußen rechnen. Die Saatgutzüchtung liegt weltweit in den Händen von vier Konzernen. Dieses Oligopol schützt seine Rechte über Lizenzen.

Die auferlegten Beschränkungen sollen Innovation fördern. Züchter erhalten so ein zeitlich begrenztes Monopol für das Saatgut und könnten von den neuen Pflanzensorten, die sie in dieser Zeit entwickeln, ohne Wettbewerb profitieren, so etwa das Argument des Internationalen Verbands zum Schutz von Pflanzenzüchtungen (UPOV).

Einst lokal angepasste Kulturpflanzen wurden und werden so mehr und mehr durch standardisierte Sorten ersetzt. Aber diese Entwicklung birgt auch Gefahren. Etwa, dass es so immer weniger Möglichkeiten gibt, um Saatgut auszutauschen und zu verteilen. Ein zweiter Kritikpunkt ist, dass Saatgut an sich immer weniger divers und somit letztlich auch anfälliger wird für Umwelteinflüsse, wie etwa Hitze und Trockenheit. Nach Angaben der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) verschwanden im vergangenen Jahrhundert 75 Prozent der weltweiten Nutzpflanzen.

Ob die Ernährung sichergestellt ist hängt von den Ernten auf den Feldern vor Ort ab.

Ernährungssicherheit durch den Klimawandel in Gefahr

Experten warnen vor schwerwiegenden Folgen für die Ernährungssicherheit, und das vor allem im Hinblick auf die Erderwärmung. Die Deutsche Welle zitiert etwa in einem Artikel aus dem April 2021 eine Forscherin für Biotechnologie, Ernährung und Saatgutsouveränität, die den Rückgang der Vielfalt vor allem angesichts der Erderwärmung für hoch problematisch hält. Karine Peschard, die am Graduate Institute of International and Development Studies in Genf arbeitet, hat bereits mehrere wissenschaftliche Artikel zum Thema verfasst. Einer beschäftigt sich mit der Entwicklung von Saatgut-Aktivismus und den Bemühungen in vielen Ländern dieser Welt, wie Saatgut wieder vermehrt ein Gemeingut werden kann. Dabei kommt sie zu dem Schluss, dass aller Bemühungen von Aktivisten zum Trotz die Rechte der Kleinbauern und Landwirte sowie die Sortenvielfalt weiter unter Druck stehen und es vor allem weiterer Studien und Forschung bedarf, wie man die Bedingungen in Afrika, Asien und dem Nahen Osten verbessern kann.

Es gibt zahlreiche Ansätze und Versuche, um legal und lizenzfrei Saatgut zu vermehren. In Deutschland setzt sich etwa die grüne Heinrich Böll Stiftung für die Open Source Idee in punkto Saatgut ein. Durch ihre Broschüre  „Gemeingüter – Wohlstand durch Teilen“ kam der Agrarwissenschaftler Johannes Kotschi auf die Idee, das Prinzip der Open Source Lizenzen für Software auf Saatgut übertragen.

So entstand das Projekt OpenSourceSeeds unter dem Dach des gemeinnützigen Vereins Agrecol e.V. Agrecol arbeitet nach eigenen Angaben vollständig ehrenamtlich. Das Projekt ist ein Versuch eine Alternative zu „Monopolen und Konzernmacht“ zu bieten, indem Saatgut als Allgemeingut geschützt wird.

Die Saatgutzüchtung liegt weltweit in den Händen von vier Konzernen.

Saatgut zugänglich für alle

Oberstes Ziel des Projektes ist also, Saatgut wieder zu einem Gemeingut für Alle machen. Dazu setzt das Projekt ebenfalls Lizenzen, aber eben auf eigene. Denn die neu entwickelten Sorten erhalten eine so genannte Open-Source Lizenz. Laut Open-SourceSeeds sei das ein einfacher Weg, Saatgut rechtlich vor Patenten und anderen Formen der Privatisierung zu schützen. So will die Organisation ihr Ziel erreichen, einen eigentumsfreien, gemeinnützigen Saatgutsektor aufzubauen, der neben dem privaten Saatgutmarkt als zweite Säule der Saatgutversorgung etabliert werden soll.

Von den Anfängen des Projektes dauerte es rund fünf Jahre bis in Zusammenarbeit mit der Universität Göttingen 2017 die erste neu gezüchtete Tomate mit dem Sortennamen “Sunviva” als erste Open Source Sorte der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Mittlerweile gibt es je drei Tomaten- und Weizensorten mit Open Source Lizenz, aber auch je eine Sorte Zuckermais, Kartoffeln und Kirschen.

Das Projekt finanziert sich vorwiegend dem Gemeinwohlgedanken entsprechend über ehrenamtliche Arbeit und über Spenden.

Wer sich für den Gedanken des freien Zugangs zu Saatgut interessiert findet im Internet weitere Informationen zum Projekt Open Source Seeds (https://opensourceseeds.org/ueber-uns) informieren.

Oberstes Ziel ist, Saatgut wieder zu einem Gemeingut für Alle machen.
© OpenSourceSeeds

Wenige beherrschen den Saatgutmarkt

Bis vor kurzem dominierten sieben Unternehmen die weltweite Produktion von Saatgut. Doch dieses Oligopol hat sich vor einigen Jahren neuformiert, die Zahl der Akteure ist erneut geschrumpft. Die beiden US-Konzerne DuPont und Dow Chemical haben fusioniert, ChemChina hat Syngenta aus der Schweiz aufgekauft, und der deutsche Bayer-Konzern hat zuletzt Monsanto übernommen. Jetzt beherrschen drei Konzerne mehr als 60 Prozent der Märkte für kommerzielles Saatgut und für Agrarchemikalien. Auch die meisten Anmeldungen für das Eigentum an Pflanzen beim Europäischen Patentamt entfallen auf diese drei Konglomerate.

Quelle: Heinrich Böll Stiftung

Dezentrale Strukturen fördern

Die Heinrich Böll Stiftung ist überzeugt, dass es Bauern und Bäuerinnen weltweit nur mit dem an die regional unterschiedlichen klimatischen Bedingungen angepasstem Saatgut schaffen können, sich an den Klimawandel anzupassen und damit letztlich auch ihre Ernährung sichern. Innovationen und Züchtungen müssen also in dezentralen Strukturen passieren und nicht von einigen wenigen Konzernen gesteuert werden.

Was ist Gemeingut?

In der gesellschaftlichen Diskussion und in die politische Auseinandersetzung auf der Suche nach Alternativen zu zu unserem Wirtschaftsmodell wird der Begriff Gemeingut oder auch „Commons“ geprägt. Die Heinrich-Böll-Stiftung versteht darunter eine „Ökonomie des Gemeinsamen“, in der das Gedeihen der geteilten Ressource im Vordergrund steht.

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