Statt Kaffee auf der Kö: Repair Café

Nachhaltige Nutzung und nachhaltige Beziehungen

Text: Diana Olbrich, 25.11.2019

Rudi Lohmann hält sich nicht lange mit der Begrüßung auf. Er nimmt mir die defekte Schreibtischlampe aus der Hand, schaut sie sich an und rüttelt vorsichtig an der Fassung. Eigentlich, so sagt er, brauche er für dieses Exemplar aus den 1920er Jahren einen speziellen Schraubenzieher. „Die haben damals ganz bestimmte Schrauben verwendet, um die Fassung zu fixieren.” Aber auch ohne Spezialwerkzeug schraubt er sie in wenigen Sekunden auseinander. Der 65-Jährige hat Erfahrung, schließlich arbeitete er mehr als fünf Jahrzehnte als Elektromeister. Beim Auseinanderschrauben bröselt poröses Bakelit zwischen seinen Fingern. Die Fassung ist in die Jahre gekommen. „Da müssen Sie im Baumarkt `ne neue besorgen“, sagt Lohmann, gibt mir die Lampe zurück und widmet sich sogleich dem defekten Toaster der nächsten Kundin.

Lohmann ist einer von sieben Hobby-Bastlern des Repair Cafés im Düsseldorfer Stadtteil Benrath. Einmal im Monat, immer am Donnerstagnachmittag haben Kunden die Gelegenheit, ihre defekten Elektrogeräte vorbeizubringen und sie kostenlos reparieren zu lassen – sofern die erforderlichen Ersatzteile zur Verfügung stehen.

Alles begann in Amsterdam

Ursprünglich kommt die Idee aus den Niederlanden. Die Holländerin Martine Postma organisierte 2009 das erste Repair Café in Amsterdam. Mittlerweile hat sie eine Stiftung gegründet, die Menschen weltweit beim Aufbau dieser Hobby-Werkstätten unterstützt. Postmas Ziel: Auf lokaler Ebene zu einer nachhaltigen und zukunftsfähigen Gesellschaft beizutragen, in der jeder mitmachen kann.

Eine Idee, die ihre Kreise bis nach Benrath gezogen hat. Denn der Einfall, in Benrath ein Repair Café zu eröffnen, ist Dieter Hilgenstock zu verdanken. Der pensionierte Kaufmann lebt mit seiner Frau in einer Wohngruppe der Diakonie. Vor etwa drei Jahren las der heute 82-Jährige zum ersten Mal einen Zeitungsartikel über Repair Cafés. Ihn begeisterte das Thema so sehr, dass er sich entschloss, in seinem Stadtteil eines aufzubauen. Denn Vieles von dem, was heute im Müll lande, sei zum Wegwerfen viel zu schade.

Hilgenstock recherchierte und informierte sich bei anderen Repair Cafés, was er braucht, um eins zu gründen. Er fragte die Diakonie nach einem geeigneten Raum und veröffentlichte eine Anzeige im lokalen Stadtblatt mit dem Betreff: Schrauber gesucht! Im Mai 2017 war es dann soweit: Hilgenstock und fünf Gleichgesinnte eröffneten das Benrather Repair Café.

Nachhaltige Nutzung und nachhaltige Beziehungen

Margit Risthaus hat Hilgenstocks Tatendrang unterstützt. Sie leitet die Diakonie und sieht in dem Repair Café mehr als nur eine Hobby-Werkstatt. „Beim Repair Café geht es nicht nur um die nachhaltige Nutzung von Geräten, sondern auch um nachhaltige Beziehungen. Gerade im Alter ist es wichtig, mit den Mitmenschen in Kontakt zu bleiben.“

Mittlerweile arbeiten bis zu sieben Techniker und handwerklich begabte Senioren regelmäßig im Repair Café Benrath. Die meisten von ihnen bringen ihr eigenes Werkzeug mit, weil sie sich damit gut auskennen. Seit Kurzem gibt es aber auch ein Unternehmen, welches das Projekt finanziell unterstützt. So können fehlende Werkzeuge angeschafft werden. Die ursprüngliche Idee war eigentlich, dass die Kunden ihre mitgebrachten Geräte unter Anleitung selbst reparieren können. Das haben die Macher des Cafés dann aber verworfen. Sie wollten niemanden abschrecken und das Angebot für jeden attraktiv machen.

Das Repair Cafe in Düsseldorf Benrath ist Teil einer weltweiten Bewegung.

Kein Platz für Getränkeautomaten

Bis zu 20 Kunden kommen einmal im Monat bei den „Schraubern“ vorbei. Die meisten defekten Mitbringsel sind Kleingeräte. „Einer kam mal mit einer Sackkarre, auf der ein Getränkeautomat festgebunden war. Wir mussten ihn wieder wegschicken, weil so ein Automat gar nicht auf unsere Tische passt“, erzählt Hilgenstock und zeigt auf die Tische, die eigentlich im Aufenthaltsraum der Diakonie stehen und an denen Kaffee getrunken oder gespielt wird.

Es ist mittlerweile Abend geworden. Während die Hobby-Techniker ihre Sachen zusammenpacken, stecke ich meine Schreibtischlampe zurück in die Tasche. Da fällt mir die mintgrüne Organetta ein, eine Art Mini-Orgel, nicht größer als ein Schuhkarton. Sie steht seit ein paar Jahren auf dem Speicher, weil sie keinen Ton mehr von sich gibt. Ich habe schon mehrere Stunden damit verbracht, den Fehler zu finden. Ein Fall für Elektromeister Rudi Lohmann. Und ein guter Grund, wieder zum Benrather Repair Café zu kommen.

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