Smart City Singapore

Geht schlau und schön?

Wie Smart Cities auch lebenswert sein können

Text: Alexander Rühl, 20.11.2020

Ein Stadtviertel, das seinen Energiebedarf mit Solaranlagen und Gas aus lokalen Bioabfällen deckt, ihn durch Wärmerückgewinnung und Passivbauten geringhält. Mülleimer mit Füllstandsmelder, Straßenlaternen mit integrierter Ladesäule, überall frei verfügbare Räder und E-Bikes, Shuttle auf Zuruf, Arzttermine und Bürgerservice per App, knackiges Gemüse und frischen Fisch von einer der umliegenden Dachgärtnereien … so könnte das städtische Leben in zwanzig Jahren aussehen – smart und nachhaltig. Oder?

Smart City – was bedeutet das eigentlich? Am Reißbrett geplante Quartiere, von IT-Konzernen bereitgestellte E-Government-Anwendungen, digital gesteuerte Infrastrukturen, umstrittene Modellprojekte – obwohl weltweit Milliarden in das Thema investiert werden, gibt es keine allgemeingültige Definition. Der kleinste gemeinsame Nenner dürfte eine Vielzahl von Kameras und Sensoren und die Verarbeitung der damit gewonnenen Daten in der Cloud sein. Smart ist also, was die Technik hergibt, die Betreiber für hilfreich, die Entwickler für machbar halten?

Daran gibt es Zweifel. Durch totalen Komfort, wenn sich Heizung und Licht automatisch einschalten, der Kühlschrank Lebensmittel nachbestellt, bleibt einerseits mehr Zeit für … ja, eben – was? Andererseits unterwandern von Algorithmen getroffene Entscheidungen das menschliche Bedürfnis nach Selbstbestimmung und Gestaltung. Wenn alles nach Plan läuft, stellt sich vielleicht ein Gefühl von „gelebt werden“ ein – das Gegenteil von einem freien und eigenen Leben.

Wie wird also aus einer volldigitalisierten eine attraktive Stadt? Wie bei jeder Beziehung reichen Grips und Geld nicht weit – es braucht Charakter. Daher ist es nur folgerichtig, wenn keine Smart City wie die andere ist. Skalierbare Einheitskonzepte für Mumbai, Kapstadt, London, Bangkok und Bukarest sind vielleicht der Traum emsiger IT-Unternehmen. Sympathisch wird eine Smart City erst durch eine breite Beteiligung und lokale Lösungen.

Smarte neue Welt oder Stadt für alle?

Sybille Bauriedl und Anke Strüver halten eine gesellschaftliche Debatte zur Dynamik des aktuellen Geschehens für dringend geboten. 2018 erschien ihr Buch „Smart City – Kritische Perspektiven auf die Digitalisierung in Städten“.

Denn, so die Beobachtung von Dr. Anke Strüver, „die großen Player im Geschäft mit der Digitalisierung bieten Universallösungen, und was sie nicht liefern können, spielt in der Umsetzung dann in der Regel auch keine Rolle für die betreffende Stadt.“ Durch den Aufbau von Infrastrukturen, erklärt Dr. Sybille Bauriedl in einem Video zum Buch, werden eben auch künftige Entwicklungsmöglichkeiten festgeschrieben. Wer sorgt sich um Gerechtigkeit, befasst sich beispielsweise mit dem Risiko, dass weniger privilegierte Stadtteile digital abgehängt werden könnten?

Strüver rät: „Eine Stadt sollte sich überlegen, ob sie nicht selbst definieren möchte, was für sie „smart“ ist. Forschung ist da eine Möglichkeit. Oder eben die „Wunschproduktion“, wie wir das nennen, die beim Alltagsleben der Menschen ansetzt, nicht bei dem, was die Unternehmen meinen, dass es die Menschen brauchen. Das gelingt zum Beispiel mit Begegnungszonen vor Ort, wo die Bewohner*innen selber ausprobieren können und artikulieren können, was in ihrem Viertel gut – und was nicht gut – funktioniert und auch direkt eingeladen sind, selbst Lösungen zu entwickeln.“

Was brauchen die Menschen in der Stadt von morgen?

Der Popularität des Themas entsprechend gibt es Smart-City-Rankings wie Sand am Meer. Mal liegen Wien und London, mal Dubai, mal Hamburg vorn, je nach Blickpunkt der Herausgeber. „Die meisten Rankings definieren und klassifizieren Smart Citys auf der Grundlage ihrer technologischen „intelligenten“ Lösungen, wie GPS-Tracking zur Stauvorhersage, Beleuchtungs- oder Abfallmanagementsysteme und der Anbindungsinfrastruktur, also Internetgeschwindigkeit, Bandbreite, Netzabdeckung … Mit dieser Methodik versäumen sie es, zu erheben, ob die Stadtbewohner die Wirksamkeit, den Nutzen und die Vorteile dieser Technologien in ihrem täglichen Leben tatsächlich wahrnehmen.“, erklärt Christos Cabolis, Chief Economist des IMD World Competitiveness Center. Also entwickelte das International Institute for Management Development (IMD), in Zusammenarbeit mit der Singapore University of Technology and Design einen Smart-City-Index, der die „humane Dimension“ in den Fokus nimmt.

Es beginnt damit, dass für das Ranking befragte Einwohner aus typischen Entwicklungsthemen das für sie dringlichste wählen, in vielen europäischen Städten ist dies erschwingliches Wohnen, woanders Luftverschmutzung, Sicherheit oder Korruption. Neben Einstellungen – Preisgabe persönlicher Daten für die bessere Verkehrsregelung – werden Bewertungen konsequent aus Bürgersicht erfragt: „Informationen zu Beschlüssen der Kommunalverwaltung sind leicht zugänglich“, ja oder nein?

Die dem Index zugrundeliegende Sammlung von Fallstudien, „Sixteen Shades of Smart“, inspiriert mit Konzepten aus aller Welt. Zürich, im Index 2020 die Nummer drei, will in sechs Hauptbereichen reale Probleme realer Menschen lösen. Auf welche Weise, digital oder zwischenmenschlich, ergibt sich aus der Zielvorstellung, auf jeden Fall passiert es „iterativ“, also in schrittweiser Annäherung. Beim „Nightlife“, Auslöser der meisten Polizeieinsätze, beispielsweise sind es veränderte Baugenehmigungen, eine Online-Plattform für Nachbarschaften, ein Roundtable und die Entwicklung technischer Lösungen mit einem Startup. Ganz anders Singapur, welches die digitale Kompetenz der älteren Bevölkerung in den Blick nimmt, damit Smart Mobility, E-Payment und E-Health-Anwendungen bei der Zielgruppe überhaupt ankommen. Das kolumbianische Medellin wiederum setzt auf offene Innovation mit einer Ideenplattform zur Lösung städtischer Probleme, Wissensaustausch zur Gewaltprävention und digitale Bildungsangebote. Wobei hier ganz einfach freies, öffentliches WLAN für den Zugang zu kommunalen Angeboten im Ranking die höchste Zustimmung erhielt.

Die Herausforderungen, Technologien und Ansätze mögen in jeder Stadt anders sein, das Ziel ist dasselbe: das Leben ihrer Einwohner zu verbessern. Cabolis: „Jede Stadt konzentrierte sich auf die Elemente, die für sie besonders problematisch und relevant waren. Deshalb gibt es kein einziges „intelligentes“ Modell, das für alle Städte passt.“

Konnektivität plus Verbundenheit – so wird ein Schuh daraus

Mittlerweile positionieren sich auch die öffentliche Hand und internationale Organisationen und stellen klar, dass es bei der digitalen Transformation von Kommunen um weit mehr als technologische Visionen geht.

Laut Smart City Charta des Bundesinnenministeriums etwa dient die Digitalisierung als Mittel zur Verwirklichung von Wert- und Zielvorstellungen, unter anderem die Stärkung der lokalen Wirtschaft und CO2-neutrale, grüne und gesunde Kommunen.

Inwieweit werden Nachhaltigkeit, Allgemeinwohl, demokratische Prozesse und Integration bei der Planung und Umsetzung von Smart Citys berücksichtigt, welche Rolle spielen die Bedürfnisse der Menschen? Das sind für die Stadtentwicklung essenzielle Fragen, die in den Modellprojekten des BMI zunehmend zum Ausdruck kommen. So schreibt sich Jena die Grundsätze der Kooperation, Open Access und Allmende auf die Fahnen, und Köln will die gesamte Stadtgesellschaft einbeziehen.

Um eines nicht zu vergessen: Natürlich sollen Warentransport, Energieversorgung und Kommunikation in den weltweit wachsenden Städten funktionieren und es dafür smarte Lösungen geben. Doch stellt sich die Frage, ob der Ausbau des Nahverkehrs und die Digitalisierung von Dienstleistungen in ländlichen Regionen nicht mindestens so sehr zur Lebensqualität beitragen wie autonome Shuttles zwischen Berlin-Mitte und Kreuzberg. Dementsprechend finden sich unter den BMI-Modellprojekten auch Kleinstädte und Dörfer wie das Smart Village Bad Belzig.

Digitales Potenzial hin oder her – ohne Nachhaltigkeit läuft in Zukunft gar nichts

Was den Ressourcenverbrauch smarter Anwendungen betrifft, herrscht im Diskurs erstaunliche Ruhe. Denn massive Datenverarbeitung bedeutet zunächst einen steigenden Energieverbrauch. Wie dieser aus erneuerbaren Energien gedeckt und vollständig ausgeglichen werden kann, müsste eigentlich zentrales Thema sein.

Von „Smart Sustainable Cities“ spricht immerhin die UN-Sonderorganisation für Informations- und Kommunikationstechnologie, ITU, und macht damit deutlich, dass nur beides zusammen eine Zukunft hat. Ihrer Definition liegt das Ziel Nummer 11 für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen zugrunde: Make cities inclusive, safe, resilient and sustainable.

Hierzu haben sie KPIs (Kennzahlen zum Erfüllungsgrad strategischer Ziele) entwickelt, mit deren Hilfe Städte ihr Entwicklungspotenzial ausloten können. Dubai und das norwegische Ålesund beispielsweise stellen sich diesem Prozess. 19 Indikatoren in den drei Dimensionen Wirtschaft, Umwelt, Gesellschaft und Kultur bringen mitunter überraschende Erkenntnisse. Denn sie fragen nicht nur nach intelligenten Wasserzählern und Internetzugang, sondern beispielsweise auch nach lokaler Lebensmittelproduktion.

Ist smart nur digital oder besser klug?

Wie bei der gesamten Digitalisierungsdiskussion kann es auch beim Thema Smart Citys nicht nur um das Was und „Wie schnell“ gehen. Aussichtsreicher ist es, nach dem Wofür zu fragen und daraus das Wie abzuleiten. Konkret heißt das, Analyse und Umsetzung nicht allein den Wirtschafts- und Technikexperten zu überlassen, sondern die Menschen einzubeziehen. Im Sinne einer lebenswerten Stadt für alle. Vorreiter gibt es. Die Richtung bestimmen wir alle.

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