Strom von nebenan

Die Energiewende wird vor Ort entschieden

Text: Birgit Scheuch, 12.03.2021

Woher kommt mein Bioapfel? In unserer globalisierten Wirtschaft mit ihren intransparenten Lieferketten hat die direkte Verbindung zum Produzenten Konjunktur. Der regionale Bezug, ein Bild vom Bauern und der Historie seines Hofes erzeugen ein Gefühl der Nähe; die Option zur Besichtigung von Stall und Acker birgt die Hoffnung auf gegenseitigen Respekt und einen ehrlichen Umgang. Was bisher vor allem im Bereich der Lebensmittel boomte, geht auch beim Strom. 

Sonne, Schafe, Schallschutz

Christian Traxels Solarpark steht im sächsischen Meerane, auf einem Schallschutzwall direkt an der Autobahn. Die Solarmodule zerstreuen die auftreffenden Verkehrsgeräusche und mindern so zusätzlich die Lärmbelastung. Die Ausrichtung und die Neigung des Walls ermöglichen eine hohe Stromausbeute. Ein perfekter Standort, findet Traxel. Seiner Meinung nach gehören Solaranlagen nicht auf Äcker, wo sie der Lebensmittelerzeugung Konkurrenz machen, sondern auf Flächen, die für andere Aktivitäten untauglich sind. Von Flächen dieser Art gäbe es genug, beispielsweise auch Deponien“, sagt er. „Auf einem Acker sollte man lieber Kartoffeln oder Getreide anbauen.“

Und dann ist da noch die Sache mit den Schafen. Damit die Solarmodule von Gras und Stauden nicht überwuchert werden, muss darunter gemäht werden. Dafür gibt es mittlerweile spezialisierte Roboter, sagt Traxel, und schätzt, dass wohl etwa zwei Drittel der Solarparkbetreiber auf benzin- oder akkubetriebene Mähtechnik setzen. „Aber das passt für mich überhaupt nicht zu einer Solaranlage. Schafe passen perfekt. Die machen keinen Lärm, die machen keinen Gestank, und die können klettern. Wir haben ja ungefähr 30 Grad Hangneigung, wenn Sie da mit ’nem Freischneider hoch- oder runterlaufen wollen, ich hab das hinter mir, das ist kein Vergnügen!“

Schafe hält er nicht nur für eine extrem charmante Lösung, sondern auch technisch für sehr sinnvoll. „Weil die Schafe auch alles abknabbern, wo Sie mit Mähtechnik gar nicht gut hinkommen.“ Zudem könne sich der Solarpark so zu einem wunderbaren Biotop entwickeln: „Die Module bieten Schatten und Schutz, und nur alle paar Monate kommt mal wer für einen Wartungsgang. Wir haben Hasen, Maulwürfe, irgendwelche lustigen Eidechsen, Spinnen, Ameisen, und ab und an kommt ein Marder gelaufen.“

Laut Christian Traxel gehören Solaranlagen nicht auf Äcker, sondern auf Flächen, die für andere Aktivitäten untauglich sind.

Windrad mit Honig

Auch Ulf Winkler ist von Anfang an Stromverkäufer. Nach dem Studium der elektrischen Energietechnik kam er 1997 auf die Idee, mit dem heutigen Mitinhaber seiner Firma ein Windrad zu bauen: „Das Thema Nachhaltigkeit fand ich spannend, ich wollte sehen, ob das geht.“ Seitdem planen, bauen, begutachten und betreiben die beiden Windkraftanlagen und vermarkten deren Strom.

Vor einigen Jahren schlugen Winklers Gene durch, wie er sagt und der Windmüller wurde in alter Familientradition Bio-Imker und Landwirt, bis dato im Nebenerwerb. Seine Windmühle steht in Berlin-Pankow, neben dem Großlager eines Discounters. Ein einziges Windrad wohlgemerkt. Denn Winkler ist nicht nur Windkraft-Pionier, sondern beweist mit dem Bau kleiner, regionaler Anlagen auch, dass persönliche Beziehungen durchaus förderlich für die Energiewende sind.

Strom für und von liebenswürdigen Umweltschützern – Ende gut, alles gut? Nicht ganz …

Hürden auf dem Weg zur Revolution

Super-sympathisch, sinnig und kaum teurer als bei einem der etablierten Ökostromanbieter – da stellt sich die Frage, warum nicht halb Deutschland so Strom bezieht. Die Stromlieferanten kennen die Hintergründe.

Christian Traxel: „Wenn jede Art von Strom ins Netz eingespeist und irgendwo anders entnommen wird; wenn eigentlich immer auch Kohle- und Atomstrom aus der Steckdose kommt, sehen Leute einfach nicht die Sinnhaftigkeit darin, Ökostrom zu kaufen. Als Verbraucher mit dem Stromvertrag im Prinzip nur den bundesdeutschen Strommix beeinflussen zu können, ist eben sehr abstrakt.“

Ulf Winkler: „Das heißt, ich erreiche mit dem Modell eher Leute, die darüber nachdenken, von wem und wie der Strom produziert wird.“

Und dieses Nachdenken muss sogar noch weitergehen: Denn riesige Windparks und fette Trassen, die Strom aus Offshore-Anlagen quer durch die Republik leiten, erregen Widerstand, letztlich auch gegen die Energiewende als Ganzes. Und spielen damit jenen Konzernen in die Hände, die nach wie vor Gewinne mit Kohle- und Atomstrom machen.

Genau das ist der Grund für die Existenz von enyway. Das 2017 gegründete Unternehmen verbindet Produzenten von Wind- und Sonnenenergie direkt mit ihrem Abnehmern und hat damit offensichtlich einen Nerv getroffen. Geschäftsführer Andreas Rieckhoff: „Mit mehr Stromkäufern*innen, die ihren Strom direkt dort kaufen möchten, wo er produziert wird, fließt die Macht weg von den Konzernen hin zu den Menschen.“

Ulf Winkler: "Das Thema Nachhaltigkeit fand ich spannend, ich wollte sehen, ob das geht."

Ein, zwei … tausende Tropfen im Stromsee

Es braucht also Menschen, die sich mit dem komplizierten System der Stromversorgung auseinandersetzen. Es braucht Menschen, die sich teils seit 25 Jahren für die erneuerbaren Energien engagieren. Und dann gibt es noch äußere Umstände, wie die auf zwanzig Jahren beschränkte EEG-Förderung.

„Besonders interessant wird das Modell, wenn die staatliche Förderung für eine Anlage ausläuft.“, erklärt Franziska Straten, Business Developerin bei enyway. „Das haben wir zum Jahreswechsel 2020/2021 das allererste Mal erlebt und 11 Anlagen vor dem Abriss gerettet, weil die Betreiber*innen ihren Strom über uns direkt an Kund*innen verkaufen und so ihre Anlage weiterhin wirtschaftlich weiterbetreiben können. Das beweist, dass Peer-to-peer-Konzepte die Zukunft der erneuerbaren Energien darstellen. Ohne solche Konzepte kann die Energiewende nicht funktionieren, weil man staatliche Förderungen nicht endlos weiterlaufen lassen wird.“

Michael Seifert ist in Sachen Vertragsoptimierung eher der agile Typ. Sein Ökostromanbieter hatte den Preis erhöht und Seifert recherchierte, wo es günstiger ginge. Beim Discounter gab es 300 Euro Neukunden-Bonus, nach einem Jahr hätte er, um etwas zu sparen, wieder wechseln müssen. Dieses Anbieter-Hopping war ihm zu riskant: „Ich hätte die Kündigung vergessen und draufbezahlt.“ Außerdem sei es doch eh eine Milchmädchenrechnung, weil bei diesen Angeboten meist einer der großen Player dahintersteckt. Bei der Recherche stieß er zufällig auf das Hamburger Unternehmen, und das war es doch, was er wollte. Das Anbieter-Duo, Rik und Jens, haben ein Windrad kurz vor dem Ende seines Förderzeitraums aufgekauft. „Das hat mir gefallen, dass die eine Anlage, die ja noch funktioniert und Strom liefert, weiterbetreiben.“, freut sich Michael Seifert, „und dass eben nicht E.ON, RWE, Vattenfall und Co. davon profitieren.“

Stromversorgung neu gedacht … und gemacht

„Voraussetzung für den Stromverkauf an Endkunden ist, dass jede*r unserer Stromverkäufer*innen bei der Bundesnetzagentur als Stromversorger*in registriert ist.“, erklärt Franziska Straten. Ulf Winkler und Christian Traxel haben also mit jedem ihrer Kunden einen Liefervertrag. enyway agiert als Dienstleister für Stromverkäufer und -bezieher und übernimmt alles Organisatorische – Konzepte, Buchhaltung und Abrechnung, Marketing – und die technische Infrastruktur.

Franziska Straten: „Im Hintergrund benötigt es natürlich entsprechende Software, die die Stromlieferung für jeden unserer Stromverkäufer regelt. So lässt sich überprüfen, wie viel Strom die jede Anlage ins Netz einspeist und wie viel davon von ,ihren‘ Kunden verbraucht wird. Das passiert in einer 15-minütigen Taktung.“ Nur so lässt sich die 1:1-Beziehung sicherstellen – also, dass von jeder Anlage kann immer nur so viel Strom verkauft wird, wie sie tatsächlich liefert. Den fehlenden Strom – wenn nachts beispielsweise Christian Traxels Solarmodule keinen Strom liefern – bekommen seine Kunden zuerst in einer Querbilanzierung von anderen Produzenten, deren Anlagen gerade Überschuss erzeugen, und wenn dies nirgendwo der Fall ist, aus dem Ökostrom-Portfolio eines Direktvermarktungspartners.

Ein organisatorischer, technischer und juristischer Riesenaufwand – lohnt sich das?

Ja, sagt Franziska Straten. Finanziell lohnt es sich für die Stromverkäufer*innen, weil es keinen Zwischenhändler mehr gibt, an den sie viel Marge abgeben müssen. Ökologisch lohnt es sich, weil kleinere Ökostrom-Anbieter am Markt aktiv werden oder bleiben können und damit die Chancen auf eine echte Energiewende steigen.

Das Anbieter-Duo, Rik und Jens, haben ein Windrad kurz vor dem Ende seines Förderzeitraums aufgekauft.

Akzeptanz braucht ein Gesicht

„Gerade weil wir hohe Akzeptanzprobleme beim Ausbau der Übertragungsnetze erleben, ist es umso wichtiger, dass die regionalen Potenziale vor Ort ausgeschöpft werden.“, erklärt enyway-Geschäftsführer Andreas Rieckhoff.

Konkret heißt das: Wenn kleinere Anlagen weiterlaufen können, braucht es weniger große, zentrale. Und bei neuen Vorhaben finden kleinere Anlagen vor Ort meist Akzeptanz – umso mehr, wenn die Menschen dahinter bekannt sind.

Das weiß der imkernde Windmüller Ulf Winkler aus langer Erfahrung. Er und sein Kompagnon bauen je Standort ein, höchstens zwei Windräder; sie suchen selbst die Grundstücke, planen und betreiben die Windmühle auch. „So sind wir immer im Austausch mit den Leuten und bauen auch eine Beziehung auf. Wir lassen uns da am helllichten Tage sehen, und helfen mit Kontakten oder unterstützen den Sportclub oder Kindergarten … sodass es halt Spaß macht. Hundert Prozent Unterstützung kriegt man nie, wenn wir merken, dass wir irgendwo gar nicht willkommen sind, toben wir uns halt an anderer Stelle aus.“

Im Gegensatz dazu, so Winkler, gibt es ja die Projektentwicklung für Dritte, da dauert das am Ende mit der Umsetzung oft viel länger – oder wird gar nichts. Tatsächlich sagt er, scheitert der überwiegende Teil der Vorhaben am Genehmigungsverfahren, am Widerstand verschiedenster Interessensgruppen.

Guck mal, mein Windrad!

Wer offiziell „Regionalstrom“ anbieten will, muss Regionalnachweise erbringen. Wegen des enormen bürokratischen Aufwands haben sie sich bei enyway bewusst gegen ein solches Label entschieden. Franziska Straten ist sicher, „dass es viel wirkungsvoller und authentischer ist, wenn der Abnehmer weiß, wer hinter der Stromerzeugung steht.“

Indem das Unternehmen zwischen Stromerzeugern und Stromkunden eine Beziehung herstellt, wird das austauschbare Produkt Strom persönlich, die Energiewende greifbar. Ulf Winkler: „Die bisherige Vermarktung an einen Händler war komplett anonym. Der Strom wird eingespeist, der Abnehmer ist unbekannt. So haben wir Möglichkeit, den Endkunden zu beliefern. Ich glaube, das ist der Traum vieler Windmüller, zu sagen, guck mal, das ist meine Mühle, von der mein Strom bei dir zu Hause ankommt. Den Kunden direkt zu erreichen, das ist halt das Schöne.“

Die Mehrheit von Christian Traxels Abnehmern lebt in der Region, aber der sächsische Erzeuger hat auch Kunden aus der Ecke Flensburg. Die Kunden wählen nicht immer den nächstgelegenen Anbieter. Das erklärt sich Traxel so: „Der Kunde vergibt Sympathiepunkte, sozusagen, und einer ist sicher die Regionalität. Bei anderen kann es die Schafbeweidung sein, wieder andere finden vielleicht einfach Solarstrom gut.“

Einige von Ulf Winklers Abnehmern sind auch schon vorbeigekommen. „Es gab ein paar Kunden, mit denen haben wir eine Führung gemacht. Es kamen aber mehr Leute, die Honig haben wollten.“ Einige seiner Kunden wohnen näher an der Anlage als er: „Bei mir am Wohnort muss ich oben aufs Einkaufcenter, um sie zu sehen. Es kommt auch schon vor, dass einer, der die Handynummer hat, sich meldet und fragt, warum denn die Mühle nicht läuft. Von daher, wenn die dann nachfragen, was los ist und ich sage, das ist nur ‘ne Wartung, das ist immer ganz schön.“

Ein paar Wünsche für die Wende

Für Christian Traxel sind ein Hemmschuh die Netznutzungsentgelte. Wenn er seinen Strom vermarktet, muss er durch das Übertragungsnetz. Und zahlt, ganz gleich, ob er 500 Meter oder 100 Kilometer des Stromnetzes nutzt, dasselbe Entgelt an den Netzbetreiber. „Das liegt bei ungefähr neun Cent pro Kilowattstunde – doppelt so viel, wie wir für unseren Strom bekommen.“

Für regionalen Direktvertrieb analog zum Einkauf beim Biobauern ist das aktuelle System nicht förderlich. Traxel: „Wenn die Netznutzungsentgelte in Deutschland so gestaltet wären, dass sie sich auch nach der Entfernung richten, die wir überbrücken müssen, würde ich sagen, ich hab hier eine Siedlung mit Einfamilienhäusern, die ist einen Kilometer entfernt, wenn ich da vielleicht einen Cent Netznutzungsentgelt zahlen müsste, dann ginge das.“ Das Netz zu umgehen und eigene Leitungen zu legen, rechnet sich bisher nur bei großen gewerblichen Abnehmern. Und „Wir vermarkten den Strom regional, gehen aber trotzdem durch das Netz und haben diese Netznutzungsentgelte, die muss der Verbraucher zahlen. Dadurch ist es leider nicht billiger als irgendein Kohlekraftwerk.“

Franziska Straten wünscht sich konkrete regulatorische Verbesserungen: „Vereinfachte Verfahren für Kleinstanbieter würden entlasten und so die Sache voranbringen. Sowohl was die initiale Anmeldung als auch laufende Meldungen zu der EEG-Umlage und Stromsteuer betrifft.“

Und für Andreas Rieckhoff steht fest: „Für die Revolution braucht es mehr Menschen wie unsere Mitstreiter*innen und Kund*innen, die sich nicht abschrecken lassen und einfach machen.“ Das sehen wir genauso!

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